Shanghai - 05/1999 |
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10:30 Uhr Wie sollte es auch anders sein: Unser erstes Fortbewegungsmittel für diesen Tag ist wieder ein Taxi. Im Affenzahn geht es an die Anlegestelle der Fähren direkt am Bund. Für schlappe 0,80 Yuan (!) geht es auf die andere Flußseite nach Pudong. Die Fähren schippern hier im 10-Minuten-Takt und bringen tagtäglich Tausende auf die andere - die reichere - Seite von Shanghai. Pundong hat einen Freibrief was Investitionen und vor allem Bauvorhaben angeht. Auf den vielen Baustellen wuseln hier unzählige Bauarbeiter unter und über Tage herum und stampfen die Kolosse aus Glas und Beton aus der Erde. Noch immer vom Grand-Hyatt-Hotel fasziniert pilgern wir zu dem stählernen Monolithen, der mit jedem Schritt dem wir uns ihm nähern, mehr und mehr in den Himmel zu wachsen scheint. In der grellen Sonne und den kräftezehrenden Temperaturen ausgesetzt halten wir das Gebäude aus allen Positionen noch einmal mit der Kamera fest.
Zu Fuß geht es dann in Richtung des anderen Wahrzeichens von Shanghai: Der Fernsehturm (The pearl of Orient). Einer Rakete gleich thront er an der Mündung des Huangpu-Rivers. Unzählige Touristen umlagern die Kassen am Fuße des Senders. Je nach Geldbeutel kann man hier auf unterschiedliche Plateaus hochfahren und das heute recht diesige Shanghai von oben bestaunen. Der Eintritt erscheint uns mit 95 Yuan ein wenig zu hoch und so belassen wir es bei einigen Fotos von unten.
12:30 Uhr Ein kurzer Walk, vorbei an den ewigen Baustellen, an verschwitzten aber durchweg gutgelaunten Arbeitern, an Kassenhäuschen und vermeintlich wichtigen Wachposten, bringt uns zum Pudong Bingjiang Boulevard. Eine von den Touristen (noch) leer gelassene Promenade, die jedoch einen netten Blick auf den Bund auf der anderen Flußseite bietet. Die Mittagshitze läßt uns hier nur kurz verweilen - denn wir sind um jedes schattige Plätzchen dankbar und ziehen deshalb wieder weiter in Richtung der Fähre. Nach kurzer Wartezeit stehen wir wieder inmitten einer transpirierenden Menschenmenge der die Überfahrt offenbar nicht schnell genug geht. Auch beim kleinen Mann ist Zeit = Geld.
13:00 Uhr Teil II der Samstags-Tour ist dem Shopping gewidmet. In einer kleinen Seitengasse zu Beginn der Nanjing-Road wuseln sich die Menschen durch einen Straßenmarkt. Allerlei Schnickschnack und Nützliches wird hier angeboten und wir werden als potentielle Kunden schnell Mittelpunkt der Marktschreier. "Sir, Sir - very cheap. Hello Sir - looky looky" In all´ der Masse des Krimskrams erfeilschen wir so lebenswichtige Sachen wie Laser-Beamer und Gürtelschnallen. Da unser nächstes Ziel, der Vogel- & Blumenmarkt, doch noch einen längeren Marsch erfordert hätte, schnappen wir uns das nächst´ beste Taxi und rauschen los. In praller Sonne und sauerstoffarmer Luft schlendern wir auch hier durch die Gassen des Marktes und staunen wieder über die Angebotsvielfalt und das rege Treiben der Menschen.
Auch hier läßt unser erster Handel nicht lange auf sich warten. Messingskulpturen, Bonsaibäume und Tonvasen verschwinden nach kurzem hin- und her in unseren Einkaufstüten. Immer in Gedanken an das beschränkte Stauvolumen unserer Koffer müssen wir andere interessante Souvenirs leider zurücklassen. In den heißen Gassen sind wir offenbar die einzigen Nicht-Chinesen - was die Sache um so spannender macht, denn mit Englisch läuft hier so gut wie gar nichts. Hände und Füße verbinden dann hier mal wieder die Welt...
15:00 Uhr Vollbepackt wie die Esel wird wieder ein Taxi gestürmt. Erstmals werden wir von einer Fahrerin chauffiert. Recht souverän lenkt Sie das Taxi durch die Gassen und läßt sich von der männlichen Konkurrenz nicht im geringsten aus der Ruhe bringen. Offenbar kennt sie die besten Schleichwege durch die Stadt, denn mit 17 Yuan war dies bisher die billigste Tour zum Ocean-Hotel. Kaum haben wir Tüten und Taschen im Zimmer verstaut, laufen wir ein paar hundert Meter die Dongdaming-Road zurück, denn wir wollen noch einmal in einem chinesischen Supermarkt einkaufen. Sozusagen auf Du und Du mit der klassischen Hausfrau. Neben Reis in 15kg-Säcken, tiefgekühltem Shrimps und abgelaufenen Süßigkeiten, entdecken wir auch die Haushaltswaren-Abteilung. Hier fackeln wir nicht lange und erstehen Teetassen und anderes Keramikgeschirr. Zu Spottpreisen versteht sich...
Mit Spannung beginnt nun die letzte Runde der Shanghai-Tour: Das Kofferpacken. Mit logistisch-strategischem Geschick gelingt es uns die Koffer mit allem zu beladen was im Laufe der Woche für wenig Geld erfeilscht wurde. Bleibt die Frage, ob wir hiermit die magische 20 kg Koffer-Grenze überschreiten...
18:00 Uhr Um die Zeit bis zum "Abschieds-Abendessen" zu überbrücken, lümmeln wir uns noch ein wenig in der Hotel-Lobby herum und lauschen bei einer Tasse Kaffee der Klavierspielerin. Es ist schon interessant zu sehen, wie geschäftig es an der Rezeption zugeht. Ein Kommen und Gehen. Ein Warten und Bleiben. Begrüßungen geben sich hier die Hand mit den Verabschiedungen und jeden Tag sind es neue Gesichter die hier Geschichte schreiben.
19:00 Uhr Aufbruch zum Final-Dinner. Mit einem Mini-Bus geht es quer durch die bereits dunkle Stadt. In ununterbrochener Geschäftigkeit gehen die Menschen hier ihrem Tag- oder nun besser gesagt ihrem Nachtwerk nach. In einer kleinen Straße, die Huanghe-Road, bleiben wir erst einmal staunend stehen. Ein Restaurant reiht sich an das andere und übertrifft seinen Nachbarn mit Lichterketten, Dekoration und Blumenschmuck. Mit markt-schreierischer Penetranz versuchen uns die Türsteher zum Eintritt zu animieren. Es ensteht schon fast ein kleines Gerangel um unsere achtköpfige Gruppe, denn wir sehen offenbar sehr umsatzfreudig aus. Bei einem Restaurant, in dessen Schaufenster ein riesiges Aquarium mit Haien integriert ist (Haifisch schmeckt übrigens ausgesprochen gut), sind die Jungs sogar so dreist und halten den Verkehr auf der Straße an um uns den Weg zum Eingang freizumachen.
Aus einer Handvoll Visitenkarten, die uns jeder dieser "Schleuser" in die Hand gedrückt hat, ziehen wir das Ziu Yuan-Restaurant. Ein bis zu den Ohren grinsender Chinese führt uns dann in einen Raum im vierten Stock des Hauses. Abgeschlossene Räumlichkeiten sind in China offenbar den feinen Herren gewidmet um sich dort in vertrauter Atmosphäre zu betrinken, ohne daß ein Nebentisch an den Peinlichkeiten teilhaben soll. Schade, denn so bleibt uns der direkte Kontakt zu Volk der Mitte leider verwehrt. Mr. Li, der heute wieder durch seine Mutter begleitet wird, hat uns etwas besonderes versprochen und bestellt minutenlang aus der Speisekarte. Bei mindestens acht großen Flaschen Bier, futtern wir uns wieder durch die exotischsten chinesischen Gerichte mit den unglaublichsten Geschmacksrichtungen. Süß/Sauer , Würzig/Mild, Scharf/Sauscharf ... alles was auf den Tisch kommt wird probiert.
Und dann kommt das versprochene Highlight: Eine Schlange wird serviert. Anfangs noch mißtrauisch beäugt, findet sich das Schuppentier schnell in unseren Schüsseln wieder. Vergleichbar mit trockenem Huhn mit Gräten wird das Tier dann unter der Rubrik "Erfahrung" abgelegt. Gegen Ende der Freß-Orgie werden wir immer mutiger und wagen uns an Reisschnaps heran. Das 54%ige Teufelszeug schmeckt einige Millisekunden lang erst einmal nach nichts, beginnt aber am Ende der Speiseröhre ein unglaubliches Höllenfeuer auszubreiten. Nachdem beide Augen wieder in die gleiche Richtung schauen können, stelle ich zu meiner Beruhigung fest, daß die anderen ebenfalls noch leben. Nach weiteren Flaschen Bier und einer kleinen Gesangseinlage von Mama Li wird es besser Zeit das Lokal zu verlassen. Mr. Li beglückt die Bedienung mit einem dicken Packen Yuan und ordert mit letzer Kraft zwei Taxen, denn ihm hat der Alkohol wieder schnell zur Schlagseite verholfen.
23:00 Uhr Wir machen besser das Licht aus - jeder weitere Tropfen Alkohol hätte ein Unglück verursacht, denn die letzte Nacht ist sowieso immer viel zu kurz.