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Shanghai - 05/1999

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14.05.1999 (Fr) - Sechster Tag - Wasserstadt Zouhou & Shanghai-Night

07:00 Uhr Heute gibt der Wecker Alarm um uns in die erste "Wasserstadt" China´s zu bringen. Ohne eigentlich genau zu wissen was uns dort erwartet, haben wir den Trip einfach mal so gebucht. Es hört sich halt interessant an und verspricht reichlich Foto´s. Das heutige Frühstück verläuft unspektakulär, aber dafür äußerst üppig, denn wer weiß schon, was unser Mr. Li heute an kulinarischen Überraschungen auf Lager hat.

08:30 Uhr Im obligatorischen Mini-Bus geht es mit 8 zahlenden Touris auf den langen Weg in Richtung Süden. Über endlose Autobahn-Kilometer (die übrigens nicht unbedingt mit den bundesdeutschen Highway´s zu vergleichen sind) fahren wir an kleinen Städten vorbei die offenbar so langsam den Sprung ins 20. Jahrhundert geschafft haben. Coca Cola & Co. sind hier allgegenwärtig und fordern zu reichlichem Konsum auf. Wenn man bedenkt, daß in China 1,2 Mrd. Menschen leben ist es doch erstaunlich, daß hier so viele Geschäfte und Wohnungen leer stehen. Wahrscheinlich haben sich auch hier die Spekulanten etwas zu weit aus dem Fenster gelehnt und das schnelle Geld gesucht...auch das ist das China im 20. Jahrhundert. Alles ist irgendwie in einem verwahrlosten Zustand und die Bevölkerung an den Straßenrändern verstärkt diesen Eindruck noch durch einen allgemeinen Anfall von Lethargie. Jeder, der nicht unbedingt arbeiten muß, sitzt herum und döst unter schattenspendenden Bäumen.

Einzig die Bauern auf den Feldern außerhalb der großen Orte arbeiten unentwegt in der frühen, jedoch schon heißen Sonne. In traditioneller Kleidung und dem Einsatz fast historischer Arbeitstechniken und Werkzeugen werden die Reisfelder bestellt oder die Fischernetze an den Flüssen eingeholt. Zumindest hier draußen scheint die Zeit stehengeblieben zu sein. China pur.

10:45 Uhr Endlich hat die Fahrt ein Ende - wir erreichen Zouhou. Nach einigen Straßen, die sich in keinster Weise von all´ den anderen Einkaufsmeilen der chinesischen Kleinstädte unterscheiden, stoßen wir auf der Hauptstraße auf ein großes steinernes Tor. Ab hier geht es nur noch zu Fuß weiter. Nur wenige Meter hinter diesem Monument, setzt offenbar eine Zeitmaschine ein. Abgesehen von den Souvenierständen und der Schar japanischer Touristen, ist hier ein völlig anderes China als das, was wir bisher in Shanghai kennengelernt haben. Noch in traditioneller Bauweise erstellte Häuser stehen hier dicht an dicht beieinander und bilden ein enges Gassen-Labyrinth. Durch die zahlreichen Kanäle schippern Langboote mit wildumherfotografierenden Japanern. In den Gassen und auf kleinen Steinbrücken bieten die Einheimischen Fisch und Gemüse an. Auch Schildkröten und anderes lebendes Kleingetier wird hier dem interessierten Käufer zur Schau gestellt.
Die Hitze ist selbst in den relativ schattigen Gassen unerträglich. Nur die Ventilatoren in einigen Souvenirläden bieten hier ab und zu ein wenig Linderung. In diesen Geschäften gibt es Tuschebilder, Keramikvasen und Messing-Figuren die unter den Touristen reißenden Absatz finden.
Nach 2 stündigem Bummeln durch die engen Gassen und durch jahrhunderte alte Wohn- und Beamtenhäuser finden wir uns zum Mittagessen in einer "Art" Restaurant wieder. Restaurant zu sagen ist jedoch eigentlich übertrieben, denn in diesem Haus gibt es lediglich ein paar Tische, Holzhocker mit freiem Blick auf die Spülküche. Hier geht es mächtig rustikal zu, denn Hygiene wird hier alles andere als Groß geschrieben. Die in Papiertütchen eingepackten Trinkgläser und Eß-Stäbchen täuschen offenbar nur touristische Sauberkeit vor, denn der ein oder andere Speiserest hat sich beharrlich am Esswerkzeug festgefressen. Das Essen, daß auch hier in "antizyklischen" Schüben von der Kochstelle auf der anderen Seite der Gasse herübergebracht wird, sieht hochinteressant aus: Weiße Klöße, gelbgrünes Gemüse, bräunlicher Klumpreis und die Attraktion des Ortes: Schweinshaxe - die hat jedoch mit unserer bayerischen Variante nicht viel gemeinsam.
Das fleischige Ungetüm in einer sagenhaft fettigen Haut wirkt auf den ersten Blick äußerst abschreckend. Die alte goldzahnige Chefin des Hauses wendet das Ganze mit einem geschickten Handgriff und alles zerfällt in kleine appetitliche Fleischportionen die nicht nur gut aussehen, sondern auch ausgesprochen gut schmecken.

Das Nachmittagsprogramm führt uns in eine Tempelanlage mit riesigen Budda-Figuren und anderen, gerade "tagesaktuellen" Göttern. Irgendwie sieht die Anlage nicht besonders historisch aus und ist offenbar auch nur für Touristen gemacht. Für die nur wenigen Gläubigen hier ist es schwierig Ruhe zum Gebet zu finden, denn die große Anzahl der japanischen Touristen verursacht einen Heidenlärm und zollt den asiatischen Heiligkeiten kaum Respekt. Zur Besänftigung der Götter dürfen wir (natürlich gegen Entgelt) die riesige Metallglocke in Schwingung versetzen. Der Gong hat es ganz schön in sich und läßt das Mittagessen noch ein wenig nachhallen.

Wenig später finden wir uns in einem kleinen Holzboot wieder das Mr. Li organisiert hat, um ein paar Kanalmeter in Zouhou herumgepaddelt zu werden. In der Enge der Wasserwege ist es nicht sonderlich appetittlich, denn auch hier wird der kürzeste Weg zur Müllentsorgung gewählt. Aus jedem Haus laufen hier die Abwässer genau vor unseren Bug und machen aus den Kanälen eine trübe Brühe die in der Mittagshitze auch nicht gerade angenehmem duftet. Die Bootsführerin rudert mit einer stoischen Ruhe um die Kurven der Stadt und verzieht keine Mine bei ihrem offensichtlich einträglichen Geschäft. Nach einer halben Stunde ist die unspektakuläre Tour vorbei und wir werden genau vor dem letzten "Highlight" der Zouhou-Besichtigung an Land geschwemmt: Das Museum der Stadt. Außer alten Krügen, kleinen Möbeln und Foto´s der politischen Prominenz die schon einmal Zouhou besucht haben, gibt es hier nicht viel zu sehen und nach wenigen Minuten (!) ist für uns die Besichtigung beendet.

15:30 Uhr Durch so viel Schmalspur-Geschichte sichtlich gerädert, sind wir froh, endlich wieder im klimatisierten Bus zu sitzen und in Richtung Shanghai zu fahren. Wie schön ist es doch, wenn der Schmerz nachläßt und man im Bus die Augen schließen kann, denn die Müdigkeit ist stärker als das Interesse an stark befahrenen chinesischen Autobahnen.

19:30 Uhr Frisch geduscht und voller Tatendrang fahren wir ins nächtliche Shanghai um mal wieder an der großen weiten Welt teilzuhaben. Zu Beginn der Tour machen wir noch einen Abstecher ins Internet-Cafe um noch ein wenig mit der Heimat zu kommunizieren. Bei einem Fläschchen Bier läßt es sich irgendwie leichter mailen und so muß wieder eine Pulle Heinecken dran glauben...

21:00 Uhr Mit dem Taxi geht es ein paar Straßenzüge weiter in Richtung Hard Rock Cafe. Hier haben wir uns mit Sven verabredet, der uns gegen 19:00 Uhr telefonisch im Hotel erreicht hat. Wir würden ihn an seinem blauen Hemd erkennen - diese Kurzbeschreibung sollte reichen sagt er.

Das erste Mal seit fast einer Woche nehmen wir das Abendessen mit Messer und Gabel zu uns. Die ziemlich teuren Ham- und Cheeseburger (je 65 Yuan) machen zwar nicht satt - bescheren dem Magen jedoch ein gewisses Völlegfühl, welches durch das ein oder andere Fosters unterstützt wird. Die Zeit vergeht und keiner der Blau-Hemd-Träger im HRC erweist sich als Sven. Die Stimmung ist ein wenig gedrückt, denn wir dachten mit seinen Insider-Tips noch einen mächtigen Zug durch die Gemeinde machen zu können. Erschwerend kommt hinzu, daß die Live-Band (die Gleiche wie am Montag) heute eine Art Animationsprogramm für die australische und britische Kundschaft vorführt. Und diese Art von Abendunterhaltung ist nun gar nicht unser Ding. Was tun, so ohne Sven und die Visitenkarten der anderen Kneipen (die liegen gut verpackt im Hotelzimmer). Als vermeintlich rettender Strohhalm stellte sich das Peace-Hotel heraus, in dem die bereits beschriebene Jazz-Band zu Hause ist.
Wieder im Taxi, geht es in Richtung Bund um die ehrenwerte Stätte des Clubs zu betreten. Vor Ort müssen wir jedoch feststellen, daß der Saal nicht besonders voll ist und von Stimmung keine Rede sein kann. In einem Veranstaltungskalender der in der Hotel-Lobby ausliegt, erkennen wir eine von Sven vorgeschlagene Kneipe wieder. Vom Hotel-Portier lassen wir uns die Adresse ins Chinesische übersetzen und rauschen mit dem nächsten Taxis wieder los. Mit kurzem Stirnrunzeln entziffert der Fahrer unser Ziel und schwebt untertourig los. Trotz der fortgeschrittenen Stunde (ca. 22:30 Uhr) sind in vielen Straßen Bauarbeiter damit beschäftigt die Straßen aufzureißen und Kabel oder Rohre zu verlegen. Mit Spitzhacke und Schaufel ist dies eine besonders mühsame Angelegenheit, aber offenbar immer noch billiger als teure Maschinen anzuschaffen und gleichzeitig die Ressource "Mensch" nicht brachliegen zu lassen.

Bei der Ankunft in der Mao Ming Nan Lu-Road kündigen die vielen wartenden Taxis Großes an. Im Club Judy´s Two, der sich augenscheinlich als kleine Diskothek erweist, ist es rappelvoll. Die Ausstattung ist nicht unbedingt neu, aber offenbar erfüllt sie ihren Zweck. Im Gegensatz zu heimischen Vergnügungstempeln in Deutschland sind hier die weiblichen Gäste in massiver Überzahl. Trotz des schlechten DJ´s wird hier getanzt was das Zeug hält. Das Bier ist teuer und die Verstärker bis zum Anschlag aufgedreht: Egal - wir sind nun mal hier und lassen uns von der Stimmung anstecken und amüsieren uns köstlich über die i.d.R. betrunkenen Europäer die verzweifelt Kontakt zu den chinesischen Damen suchen.... Gegen 01:30 Uhr kühlt unser Rhythmus im Blut ab und unser 56747ste Taxi bringt uns ins Hotel zurück.

www.klaus-klee.de | Geändert: 01.11.2004 - 11:24 Uhr
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