Shanghai - 05/1999 |
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In der frühen Sonne ist es jedoch schon drückend heiß zwischen den vielen Straßengeschäften und die stickige Luft macht es nicht gerade angenehm mit den Chinesen über den Preis zu feilschen. Am Ausgang des Gassenlabyrinthes angelangt und der chinesischen Moderne wieder zugewandt, geht es zu Fuß vorbei an der großen Oper, dem modernen und vielstöckigen Rathaus und über den großen Platz des Volkes. Hier ist eine riesige Videowand angebracht um dem Volk die großen Veranstaltungen und Propagandaschlachten Peking´s noch näher zu bringen. Unmengen weißer Tauben lassen sich hier von den vielen Touristen füttern und leben offenbar ganz gut davon, denn deren Ausmaße sind um ein vielfaches größer als die der europäischen Artgenossen.
11:00 Uhr Mit dem klimatisierten Bus geht es dann weiter zum Textilmarkt. In einer Seitenstraße, die wir wahrscheinlich auch mit Stadtkarte nie mehr wiederfinden würden, bieten hier auf schlappen 300 m Straßenhändler allerlei Textilien an. Wie zu befürchten, ist die Qualität der Leibchen nicht besonders gut - die Auswahl verhält sich ähnlich. Nach langem Suchen zwischen kitschigen T-Shirts und jämmerlichen Jeans-Fälschungen ergattern wir für massiv herruntergehandelte 30 Yuan wenigstens noch Shorts eines "amerikanischen Sportartikelherstellers" (Nike). Taschen und Uhren verdienen hier ebenfalls nur das Prädikat "mangelhaft", so daß diese Shopping-Tour nicht besonders erfolgreich verläuft. Da wir uns mit Mr. Li erst um 12:00 Uhr verabredet haben, streunen wir noch ein wenig um die Ecken, um irgendwo gekühlte Durstlöscher zu kaufen, denn zwischen den Verkaufsständen der Händler herrschen mittlerweile wieder dramatische Luftverhältnisse.
12:00 Uhr Dem Wunsch der Gruppe nachkommend, noch echten grünen Tee zu kaufen, bringt uns in das alte bekannte Yu-Shoppng-Center. Wahrscheinlich bekommt hier Mr. Li die meiste Provision für herangekarrte Käufer. Da hier das Herz der Touri-Kolonie liegt, ist es nicht schwer zu vermuten, daß auch hier das Preis-Leistungs-Verhältnis ein wenig hinkt. Trotzdem werden einige Tüten des grünen Krautes umgesetzt und mit reichlich Yuan beglichen.
13:00 Uhr Ein 15minütiger Hotel-Zwischenstop muß reichen, um die Nase zu pudern und sich mit der Kamera zu bewaffnen, denn der zweite Tageshöhepunkt steht an: Eine Dampferfahrt auf dem Huangpo-River bis zur Yankzee-Mündung. An einer der vielen Piers am Bund liegt der etwa 100 m lange Touri-Kutter. Zwar nicht unbedingt hochseetauglich, aber für asiatische Verhältnisse noch einigermaßen in Schuß präsentiert sich das 3-stöckige Schiff. Mr. Li besorgt Ticket´s für die "Upper-B-Class". Ein eigenes Abteil mit Sofa´s und Karaokee-Anlage sind zwar gut gemeint, das Sonnendeck liegt uns da schon eher.
14:00 Uhr Ziemlich pünktlich stechen wir mit dem gut besuchten Kahn in See und wuseln uns zwischen all´ den kleinen Booten und Kähnen in die Fahrrinne. Vom Wasser aus gesehen bekommt die Stadt eine ganz neue Perspektive. Im diesigen Licht der hochstehenden Mittagssonne hat die Skyline etwas schwerfälliges - schwerfällig wie die Schiffe, die schnaufend den großen gelben Strom durchkreuzen und gegen die Strömung kämpfen. Beide Ufer sind durch dichte Industrieanlagen und Hafenanlagen verbaut. Überall herrscht reges Treiben in den Docks und auf den halbfertigen Tankern, die hier für den schweren Einsatz auf See vorbereitet werden. Die vielen Schiffe aus aller Welt die hier gelöscht und beladen werden lassen erahnen, welche Wirtschaftskraft in diesem riesigen Land steckt. Hier ist der Mensch noch der Produktionsfaktor Nummer eins und davon gibt es ja bekanntlich viele...
Unaufhaltbar scheint der Strom der Boote, die hier das große Geschäft machen wollen und uns vom Yankzee aus entgegenkommen. Auf einer Seite des Flusses haben drei Marineschiffe festgemacht. Offenbar Fregatten und Radarschiffe. Aus der Ferne ist auszumachen, daß dort gerade eine Übung stattfindet. Flaggen werden gesetzt und in windeseile besetzten Matrosen die Flak-Geschütze. Kaum einer der Passagiere bekommt vom Treiben auf den Schiffen etwas davon mit. Man ist eher damit beschäftigt bei grünem Tee über Gott und die Welt zu philosophieren. Es fällt auf, daß die chinesischen Gäste die schattigen Plätze des Schiffes für sich gewonnen haben. Dem westlichen Schönheitsideal folgend findet man Europäer, Amerikaner und Australier hingegen auf dem Sonnendeck wieder, um die Körper auf Prospektbräune zu bringen.
In der Nähe der ein wenig befestigten Mündung zum Yankzee ist ein großer Frachter auf Grund gelaufen. In heftiger Schräglage wird das Schiff von der Küstenwache gesichert um schlimmeres zu vermeiden. Der in die Jahre gekommene Pott liegt wie gelähmt in der Mittagshitze und scheint hier auch seine letzte Ruhestätte gefunden zu haben. Die Außenwände sind schon stark angerostet und es dürfte nur eine Frage der Zeit sein, bis er auseinanderbricht und für immer in den Fluten versinkt.
15:15 Uhr Bis hierhin und nicht weiter. Auf einer mächtigen Breite liegen wir vor der Einfahrt zu einem der gewaltigsten Flüsse der Welt. Der Yankzee ist mit 5100 km nicht nur unfaßbar lang, sondern hier auch so breit, daß man das andere Ufer mit bloßem Auge nicht sehen kann. Da unser Schiff der Strömung des Yankzee nicht gewachsen ist, wenden wir hier auf engstem Raum und melden dieses Manöver lautstark mit den Schiffssirenen an. Nach weiteren 1,5 Stunden gemächlichen schipperns auf dem Huangpu erreichen wir wieder das Dock im Personenhafen von Shanghai.
18:00 Uhr Zum Glück mangelt es auch am langen Pier nicht an Taxi´s und so geht es relativ zügig durch die hupende Fahrzeugmassen in Richtung Hotel zurück. Da wir reichlich platt sind, nehmen wir die hereinbrechende Dämmerung und die damit verbundene Hektik auf den Straßen gar nicht mehr war. Seeluft und Sonne taten heute ihr übriges, um ein weiteres mal unsere Kondition auf die Probe zustellen.
19:00 Uhr Frisch geduscht und mit Sakko´s präpariert geht es heute Abend hoch hinaus. Zum einen, weil wir über die mächtig lange und hohe YangpuBridge nach Pudong fahren. Zum anderen, ist das dortige Ziel das "Haus der Häuser". Das Jin Mao Building. Mit 88 Stockwerken und 484 m Höhe das höchste Hotel der Welt. Bis zum 48. Stock sind dort die Repräsentanzen der Top-Firmen dieser Welt vertreten und glänzen mit dieser 1A-Adresse. Ab dem 49. Stock befindet man sich dann im Grand Hyatt Hotel. Je näher wir uns dem silbernen Koloß nähern, um so beeindruckender ist dieses Wunderwerk der Architektur. In der dunklen chinesischen Nacht wirkt der Bau wie ein Raumschiff das jeden Augenblick abheben möchte. Durch die imposante Beleuchtung stellt es alle anderen Gebäude in der Gegend in den Schatten.
Das Hotel ist von einigen Polizisten umgeben und wir dürfen nicht direkt an der Straße halten, sondern werden zum ebenfalls mächtigen Hotel-Eingang deligiert. Den Taxi-Fahrer beeindruckt dies alles verständlicherweise überhaupt nicht. Dieser ist eher darauf bedacht, neben der reinen Fahrt auch noch den Brückenzoll abzukassieren. Nachdem uns ein Hotelpage bei den Verhandlungen mit dem Taxifahrer behilflich ist, bleiben wir erst einmal erfurchtsvoll vor dem Tower stehen. Trotz gereckter Hälse ist es uns kaum möglich die Spitze des Gebäudes zu sehen. Die geschickte Bauweise läßt diesen Koloß unendlich erscheinen.
In der sehr klassischen und trotzdem irgendwie modernen Eingangshalle werden wir durch ein Reihe von sich verbeugenden Pagen empfangen und zu dem Fahrstühlen geführt. In sage und schreibe 45 Sekunden katapultiert uns der Lift in schwindelerregende Höhen und somit in die Lobby des Hotels. Bei gedämpftem Licht und feinstem Interieur ist hier der Gast wahrlich König. Wieder stehen sofort eine Reihe von Angestellten um uns herum und wollen uns offenbar jeden Wunsch erfüllen. Ein kleiner "Walkaround" in der Lobby und dem Grand Cafe vermittelt einen Hauch von Klasse. Hier sind sie also, die Reichen der Stadt oder die , die sich dafür halten. Bei Champagner und Erdbeeren schlägt man hier die Zeit tot und läßt sich sehen. Auch der internationale Jet-Set und mächtig wichtig dreinschauende Manager geben sich hier ein Stelldichein.
In einem Anfall von Größenwahn fragen wir nach 2 Plätzen im Canton Restaurant. Glück gehabt: Das Restaurant ist noch Baustelle und wird erst Ende Mai fertig und außerdem läuft hier ohne Vorbestellung eh´ rein gar nichts. Um jedoch ein wenig teilzuhaben an der großen weiten Welt, lassen wir uns in der Piano-Bar im 50. Stockwerk nieder und genehmigen uns 2 Martini (geschüttelt - nicht gerührt). Es ist ein phantastisches Gefühl direkt am Fenster die grandiose Aussicht auf das abendliche Shanghai zu genießen. Im Hintergrund spielt eine chinesische Pianistin an einem weißen Flügel. Es ist wirklich einer der Höhepunkte dieser Reise. Der Bund, der Fernsehturm, das Shangri-La Hotel - ganz Shanghai liegt uns in diesem Augenblick zu Füßen. Nach einem weiteren Bier, verflixt scharfen Nüßchen und vor allem mit der Rechnung (etwas über 200 Yuan) werden wir jäh aus den Träumen gerissen.
Noch etwas benebelt verlassen wir das Grand Hyatt und beschließen das Abendessen im Ocean Hotel einzunehmen. Die Fahrt geht dieses mal durch den Hunagpu-Tunnel, der ebenfalls nicht ohne Extra-Gebühr durchquert werden darf.
21:45 Uhr Die Bedienung in unserem Hotel schaut ein wenig mürrisch als wir um diese Zeit noch ein komplettes Abendessen wünschen. Aber letztendlich ist auch hier der Gast noch König .. naja... vielleicht nur ein Prinz und sie nimmt unsere Bestellung noch auf. Und es lohnt sich: Wir wählen eine Reihe von Köstlichkeiten, bei denen das Futter der Billig-Restaurantes nicht ganz mitkommt. Dafür sind wir auch bereit ein wenig mehr zu bezahlen (49 Yuan). Allerlei Gemüse, Fleisch und Meeresfrüchte werden auf kleinen Tellern gereicht und mit zwei großen Flaschen Bier dekoriert. 30 Minuten später sind nicht nur die Teller & Flaschen leer, auch wir sind richtig ausgepowered und fallen in die Betten.