Shanghai - 05/1999 |
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06:45 Uhr Der Frühstücksraum ist nur mäßig besucht (was ein Wunder) und sicherheitshalber tanken wir reichlich am Buffet auf - wer weis was uns im Landesinneren erwartet.
07:15 Uhr Irgendwie sind wir eine viertel Stunde zu spät und der Reiseführer ist mächtig nervös, weil der Zug um 7:56 abfährt. Auf den ersten Blick noch kein Thema - aber nur auf den ersten... Der Bahnhof ist nämlich eine ganze Ecke vom Hotel entfernt und neben dem 24-stündigen Verkehrsstau addiert sich natürlich noch die Rush-Hour hinzu. Der Fahrer wechselt zwischen Beschleunigen, Bremsen und Hupen hin- und her. Mit einer gesunden Portion Mut und Unverfrorenheit (rote Ampeln...) erreichen wir den Bahnhof.
07:55 Uhr Na also reicht doch. Mit einem kleinen Sprint zu den Gleisen quetschen wir uns noch in die Abteils. Zum Glück hat Mr. Li Sitzplätze reserviert, denn diese sind von zeitungslesenden Chinesen belagert. Ein Wink mit unseren Tickets läßt sie jedoch kommentarlos aufstehen, um wenige Sekunden später (stehend) wieder in ihre Zeitung zu versinken. In diesem Abteil (wahrscheinlich 1.Klasse, da die Sitze einigermaßen sauber und gefedert sind), scheinen die etwas besser verdienenden Pendler zu reisen, da die meisten mit Hemd und Krawatte ausgestattet sind. Die energische Schaffnerin, die neben ihrer abzeichenverzierten Uniform auch durch ihr lautes Organ zu erkennen ist, vermeidet es konsequent die Mine zu verziehen und reicht aus einer riesigen Kanne grünen Tee (7 Yuan).
Die verflixt heiße und bitter schmeckende Brühe ist sehr gewöhnungsbedürftig und dürfte es schwer haben zu meinem Lieblingsgetränk zu werden. Auch optisch ist es nicht gerade anmutend, dem schlabbrigen grünen Kraut dabei zuzusehen, wie es Form und Farbe verliert und auf den Boden des durchsichtigen Plastikbechers sinkt. Von den Helden der Arbeit ist den Mitreisenden nicht viel anzusehen. Die starren, wenn sie nicht gerade in Zeitung oder Handy vertieft sind, dem Vordermann völlig geistesabwesend in den Nacken. Keine Ahnung was die heute morgen schon geraucht haben...
Die etwa 50 minütige Fahrt bietet kaum Spektakuläres. Kleine Dörfer mit kleinen Häusern und noch kleineren Gärten wechseln sich mit riesigen Reisfeldern ab, in denen die Bauern verschwindend winzig aussehen. Hin- und wieder eine kleine Stadt und das war es dann schon, was das Reich der Mitte hier zu bieten hat. Eine teilweise ausgebrannte Raffinerie ist da vielleicht noch eine Ausnahme, dürfte jedoch nicht zu den öfter vorkommenden Kulturgüter China´s gehören (oder doch...)
08:50 Uhr Am Bahnhof von Sozhou werden wir von einem Fahrer erwartet, der uns in einen japanischen Mini-Van mit reichlich ausgeleierten Sitzen stopft. Mr. Li erwähnt nebenbei, das in Sozhou etwa eine Millionen Menschen leben und daß dies damit ja eigentlich nur eine kleine Provinzstadt ist. Na ja - grundsätzlich hat er ja recht, denn die Straßenzüge hauen niemanden um. Geschäfte mit Sachen die kein Mensch braucht, wechseln sich mit vergammelten Wohnhäusern ab. Hin und wieder ein 1/8-Stern Restaurant oder ein leerstehendes Hochhaus. Wirklich kein Weltniveau hier.
Das erste Highlight der Tour ist eine große Gartenanlage. Auf ein paar tausend qm hat wieder irgendein Kaiser aus irgendeiner Dynastie wegen offensichtlicher Profilneurose einen Ausgleich gesucht und für irgendeine seiner Lieblingsfrauen einen riesigen Park errichten lassen. Dies scheint offenbar ein mittelalterliches Hobby gewesen zu sein... Zusammen mit unzähligen Japanern und Chinesen schnuppern wir die Luft längst vergangener Zeiten. Der gute alte Regent hat nämlich alle paar Meter seine Weisheiten in Felsen meißeln lassen, vor denen sich schaarenweise Touri´s (wir natürlich auch) ablichten lassen. Nach einer Stunde ist die Führung zwischen Brücken, Tempeln und Türmen vorbei und der Bus bringt uns zu Tagesordnungspunkt 2:
Der Kaiserkanal - auf den ersten Blick eine erhabene Angelegenheit. Auf mehreren hundert Kilometern hat Kaiser Sowieso das Land schiffbar gemacht, um die einst so notwendigen Güter von A nach B bringen zu lassen. Es ist nicht viel übrig geblieben von der Herrlichkeit, denn nicht nur die dreckverseuchte Brühe selbst, sondern auch die angrenzenden Wohnhäuser befinden sich in einem üblen Zustand. Das Wasser fällt locker unter die Rubrik Sondermüll, wenn nicht sogar unter das Kampfmittelgesetz, denn der Inhalt hat es in sich. Hier wird offenbar alles entsorgt, was man nicht einmal im heimischen Mülleimer deponieren möchte.
Unsere Bootstour, in dem alles andere als unsinkbar aussehenden Langboot, beginnen wir mit Maschinenschaden. Also - raus aus der Nuß und rein in die Nächste - wir hoffen, daß wenigsten dieser Kahn noch eine Stunde hält. Mit mächtig Krach und Dieselqualm geht es dann auf dem Kaiserkanal in Richtung irgendwo. An den Ufern sitzen viele junge Leute und malen den vergangenen Glanz der Häuser und Brücken. Die Bilder, die dann auf den vielen (Touri-) Märkten verkauft werden, sehen in Wasser und Öl eigentlich ganz nett aus, verschweigen jedoch die offensichtliche Armut in dieser Region.
So langsam wird der Kanal breiter und immer mehr Frachtkähne kreuzen unseren Weg. Mit Reissäcken, Steinen, Schrott und 1000 anderen Sachen tuckern die Dieseldampfer um die Wette. Nach dem Motto "Wer bremst verliert" geht es in den Kanälen ziemlich zur Sache. Mit langen Bambusstangen korrigieren die Frauen am Bug der Schiffe den Kurs des Steuermanns, denn die Ruderanlagen haben offenbar die Präzision einer Kettensäge beim Kuchenschneiden. Trotz der äußerst mühsamen Arbeit sind die Leute hier sehr aufgeschlossen und winken uns staunenden Europäern freundlich zu.
Vor uns hat plötzlich ein Boot massive Probleme mit dem Motor. Nicht nur, daß er Kutter einen Höllenlärm macht - er nebelt uns auch mächtig mit schwarzem Qualm ein. Normalerweise müßte dieses Dieselaggregat auf den Schrott, aber ich kann mir gut vorstellen, daß clevere Mechaniker das Ding wieder notdürftig zusammentackern und es keinen interessiert, wie unsicher oder gar umweltschädlich der Motor mittlerweile sein dürfte...
In der Nähe unserer Anlagestelle gibt es eine Reihe von Geschäften mit massenhaft Souvenirs. Figuren, Fächer, Banner mit chinesischer Kaligraphie und all die andern Herrlichkeiten der Andenkenbranche. Die teilweise rechte penetranten Verkäufer gehen uns ziemlich auf den Keks und wir ziehen schnell weiter zum nächsten Programmpunkt - die Brücke des "Marco Polo".
Am anderen Ende der Stadt, die zu durchqueren ebenfalls ein Abenteuer ist, liegt eine kleine (noch übrig gebliebene) Brücken- und Festungsanlage, die die Stadt Sozhou einst vor Angriffen aller Art schützen sollte. Hier hat einst Marco Polo ein paar Tage auf seinem Trip durch China verbracht. In der Festungsanlage gibt es eine Reihe von fliegenden Händlern, die in der Mittagshitze allerlei Kurioses zum Kauf anbieten. Alte Mao-Bibel, Parteibücher der chinesischen KP, Ehrenmedaillen der roten Armee, Feng-Shui-Meßgeräte, Figuren und und und... ein Eldorado der Kunst- und Kitschsammler. Der Idylle eines etwas höher gelegenen Tempels überdrüssig, geht es dann in der Innenstadt zum Mittagessen.
12:00 Uhr In einem Restaurant, welches jeder Normal-Touri wahrscheinlich meiden würde, hat Mr. Li in einem Hinterzimmer des 1. Stocks ein Zimmer reserviert. Schon am Eingang stellen wir fest, daß die hiesige Küche ein paar Überraschungen auf Lager hat: In einigen Aquarien lümmelt sich vielerlei Getier, welches je nach Kundenwunsch auch ratzfatz in der Pfanne verschwindet. Fische und Garnelen bieten hier noch ein vertrautes Bild - die Schlangen und Ochsenfrösche sind hingegen ein wenig ungewohnt für das europäische Gourmet-Auge. Mr. Li bestellt einmal quer Beet die Speisekarte rauf und runter (ohne Schlange und Frosch) und freut sich, daß wir auch das chinesische Bier mögen. Um unseren Tisch herum wuseln ein halbes Dutzend kleiner Chinesinnen und bringen alle paar Minuten neue Teller mit seltsam aussehenden Gerichten.
Nach zögerlichem Probieren stellt sich jedoch heraus, daß das meiste durchaus schmackhaft ist und es macht Spaß zuzusehen, wir Mr. Li in asiatischer Manier das Essen lautstark in sich hineinschlürft und dabei auch das ein oder andere "Bäuerchen" hinterherschiebt. Nachdem wir eine Stunde geschlemmt und geschlabbert haben (die Tischdecke hat es mittlerweile hinter sich) verlassen wir pappsatt und leicht angeheitert die Örtlichkeit.
Der krönenden Abschluß der Tour ist der Besuch einer Seidenfabrik ganz in der Nähe. Zwei Minuten Modenschau, fünf Minuten Technik der Seidengewinnung und 25 Minuten Verkaufsraum machen den Kohl auch nicht mehr fett. Mit 0 Yuan Umsatz an diesem Ort der feinen Stoffe verabschieden wir uns in Richtung Bahnhof.
16:45 Uhr Eine viertel Stunde Verspätung ist genauso zu verkraften, wie die Tatsache, daß wir für die Rückfahrt in der II. Klasse sitzen müssen. Aber was heißt hier "müssen". Als Europäer im Abteil sind wir die Attraktion überhaupt. In der etwas rustikalen Ausstattung treffen wir auf China pur. Arbeiter und Büroangestellte schwitzen gleichermaßen vor sich her und tuscheln untereinander. Auch in dieser Klasse gibt es eine Art Service. Ein wirklich spartanisch zusammengetackerter Wagen ist mit diversen "Köstlichkeiten" beladen, deren Verfallsdatum offenbar noch weit vor der Kulturrevolution liegen muß. Wir können uns beherrschen und verzichten auf den Konsum zugunsten der arbeitenden Klasse. Vorbei an dem rießigen VW-Werk vor den Toren Shanghai´s erreichen wir nach ca. 1 Std. wieder den Hauptbahnhof in der jetzt die Hölle los ist. Ganz China scheint in Shanghai zu wohnen....
18:00 Uhr Durch die Hitze und das kulturelle Überangebot des Tages etwas ausgelaugt folgen wir Mr. Li recht apathisch durch die Bahnhofshallen um unseren Bus zu erreichen. Im obligatorischen Verkehrsstau wundern wir uns wieder einmal, mit welcher Selbstverständlichkeit hier um jeden Zentimeter Straße gekämpft wird. Da sich Mr. Li für heute Abend als Restaurantberater anbietet, nehmen wir das Angebot natürlich an und verabreden uns um 19:30 Uhr in der Hotel-Lobby. In den wie immer 1A aufgeräumten Hotelzimmern fallen wir erst einmal steintod auf die Betten und genießen das Gefühl des nachlassenden Schmerzes.
19:30 Uhr Frisch geduscht und hungrig bis unter die Arme ziehen wir mit Mr. Li zur kulinarischen Expedition los. Die Reise dauert nicht lange, denn unser Ziel liegt knappe 100 m neben dem Hotel. Die Belegschaft des Restaurants, die tratschend im Eingangsbereich herumlungert, ist sichtlich erfreut über Kundschaft und nimmt sofort Position hinter Theke und Kochtopf ein. Die Bedienung führt uns in ein schon vorbereitetes Hinterzimmer im ersten Stock des Gebäudes. Der in die Jahre gekommenen Raum schmückt sich u.a. mit einer Karaokee-Anlage, Kunstholzvertäfelung an den Wänden und einigen kitschigen Dekorationen auf Tisch und Kaminsims - also alles in allem typisch chinesisch.
Nach ähnlichem Ritual wie in Sozhou werden hier einige Spezialitäten auf dem drehbaren Teller auf der Tischmitte plaziert. Interessant ist, daß hier die einzelnen Gerichte wieder nur nach und nach herangebracht werden und Reis offenbar nicht zur Grundausstattung eines Menüs gehört. Nach allerlei scharfem, würzigem, süßem, sauren und undefinierbaren, erfolgt erst die Suppe. Diese Reihenfolge soll angeblich den Magen beruhigen. Naja, aber nicht wenn übelscharfes Grünzeug in der Suppe die Poren der Haut noch mal so richtig aufgehen läßt. Aber trotzdem ist es interessant, wie nett man die Wunder der Flora & Fauna servieren und vor allem ... verkaufen kann. Für 40 Yuan pro Nase kann man nicht meckern, wenn man bedenkt, daß noch 6 große Flaschen Bier dabei waren. Und die machen Mr. Li ganz schön zu schaffen. Neben leichten Koordinierungsschwierigkeiten in Tat und Wort, hat sein Blick ebenfalls an "Zielstrebigkeit" verloren.
Nach einigen dubiosen Telefongesprächen, für die er alle paar Minuten in den kleinen Flur des Restaurants verschwindet, hat sich das Grinsen in seinem Gesicht fest eingebrannt und gut gelaunt verläßt er mit uns die Stätte der Fröhlichkeit.
22:00 Uhr Da es zum Schlafen zu früh ist, arbeite ich einen weiteren Teil meiner Postkarten ab um die Welt über unsere Heldentaten zu informieren. Oliver hingegen zieht es noch mal auf eine nächtliche Kultur-Tour. Im Peace-Hotel gönnt er sich die hoteleigene Jazz-Band, deren Durchschnittsalter bei ca. 65 Jahren liegt. Ein Klassiker für Weltenbummler...der Laden ist brechend voll und trotz des hohen Alters sind die Chinesen noch in guter Form. Auf dem Rückweg schaut er noch mal im ehrwürdigen Hotel Shanghai vorbei. Nicht nur von außen blättert die Geschichte ab, auch im inneren hat man hier schon bessere Tage erlebt. Eine Tradition geht hier offenbar zu Ende.