Shanghai - 05/1999 |
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08:30 Uhr Dem ersten Frühstück widmen wir sehr viel Zeit und lassen es uns so richtig gutgehen, denn die vergangenen 2 Tage waren doch recht kräfteraubend. Die reiche Auswahl am Buffet tut außerdem ihr übriges, um noch ein wenig das Kommen und Gehen der Hotelgäste zu beobachten. Neben einigen vereinzelten bekannten Nasen aus unserer Reisegruppe, lungern hier eine Reihe von Franzosen um Tische und Theken herum, die recht lautstark den Tag beginnen.
09:30 Uhr Aufbruch zu einem gewagten Trip: Zu Fuß vom Hotel zum Bund und von dort entlang der Nanjing-Road. Auf der Strecke Hotel -> Bund laufen wir entlang der Dongdaming-Road, auf der offenbar seit Jahren kein Europäer zu Fuß unterwegs war, denn die kleinen gelben Menschen starren uns doch ein wenig überrascht an. Die Straße besteht in erster Linie aus Geschäften, die, wenn man das Aussehen zum Maßstab nimmt, nicht gerade profitabel laufen können. Aber irgendwie scheint man sich hier in Asien mit den Göttern und dem Dollar recht gut arrangieren zu können...
In der North Suzhou-Road, direkt an der Mündung des Huangpu-River in den Wusongjiangg-River, liegt bzw. thront das Shanghai-Mansions. Einst der Klassiker der Asien-Hotels, in dem in den 30er und 40er Jahren Emigranten aus aller Welt Zuflucht fanden und Shanghai zum dem Treffpunkt schlechthin machten. Heute ist das etwa 25-stöckige Hotel ein Schatten seiner selbst. Die verrußte Außenfassade wirkt alles andere als einladend und auch die Eingangshalle hat schon bessere Zeiten gesehen...
Auf einer massiven Stahlträgerbrücke ganz in der Nähe, treibt sich eine großen Anzahl düsterer Gestalten herum, bei denen man nicht weiß´, ob ihr Geschäft mit reichlich Krimskrams nicht noch illegaler ist als ihre Anwesenheit selbst. Am nur wenige Schritte entfernten Denkmal "The Monument to the People´s Hereos" beginnt der eigentliche Bund. Von hieraus hat man einen phantastischen Blick auf den Stadtteil Pudong. Ein Hochhaus neben dem anderen und die Kapazität der unbebauten Grundstücke ist noch lange nicht erschöpft, denn nicht nur das weite, unerschlossene Gebiet bis zum Meer ist hier als Sonderwirtschaftszone ausgewiesen, sondern auch die alten Wohn- und Geschäftshäuser stehen zum Abriß bereit und bringen teures Bauland hervor. Die Wolkenkratzer spiegeln im Sonnenlicht um die Wette als wollen sie der Welt zeigen, das China nicht nur aus Reisfeldern und Mao besteht.
Auf dem Bund sind meist Chinesen aus anderen Gebieten der Volksrepublik unterwegs und bestaunen den (vermeindlichen) Reichtum dieser Stadt. In der mittlerweile erbarmungslos brennenden Sonne werden unzählige Erinnerungsfotos aus alten Kameras geschossen. Ob Einzeln oder in der Gruppe: Regungs- und vor allem emotionslos wird hier für das heimische Fotoalbum stramm gestanden.
11:30 Uhr Auf der Höhe der Nanjing-Road tauchen wir in die vermeindlich attraktivste Einkaufsstraße China´s ein. Zu Beginn erlauben wir uns noch einen kleinen Abstecher in das ebenfalls dort ansässige "Peace-Hotel". In diesem alten und ehrwürdigen Hotel, das wegen seiner Jazz-Kapelle zu internationalem Ruf kam, geht es schon etwas klassischer zu. Das durch braun getönte Scheiben hereinfallende Licht, gibt der Lobby etwas Erhabenes. Der Lärm der Straße ist wie fortgefegt und es scheint, als sein hier die Zeit ein wenig stehen geblieben. Der kleine Brunnen plätschert zeitlos vor sich hin, Hotel-Boys wuseln umher und die wartenden Gäste in den Korbsesseln könnten auch aus der guten alten Zeit stammen, in der es als chic galt hier Gast zu sein.
Die weiteren 5 km der Einkaufsstraße enttäuschen uns ein wenig, denn hier ist nichts von der Innovationskraft des riesigen Landes zu bemerken. Die Mode ist eher praktisch als kommerziell. Konsumgüter sind eher kitschig als klassisch und die Hitze tut ihr Übriges, um die Kauflust zu bändigen. Die einzige Ausbeute auf der Nanjing-Road besteht aus ein paar Eßstäbchen und einem Satz Postkarten.
Interessant ist jedoch die Ablauforganisation in dem eher konservativen Laden. Keine Bedienung / Beratung (für Europäer wegen der unzureichenden Chinesischkenntnisse eh´ uninteressant), muffige Luft und trübe Beleuchtung. Nachdem man die Ware ausgewählt hat, erhält man von der ewig grimmig dreinschauenden Verkäuferin einen Satz Belege, die offenbar eine Rechnung, einen Lieferschein und eine Auftragsbestätigung darstellen sollen. Mit allen drei Zetteln werde ich zu einer Kasse zitiert, in der der Oberbuchhalter sitzt und sich alle Scheine genauestens ansieht. Mit jeweils zwei Stempeln pro Beleg, wird dann der Geldeingang bestätigt. Mit diesen beiden Zetteln geht es zurück in die jeweilige Abteilung, in der die Warenausgabe erfolgt. Wieder wird (von der Verkäuferin von vor 3 Minuten) akribisch kontrolliert, ob der "Workflow" eingehalten wurde. Erst dann werden mir die gekauften Waren ausgehändigt - wortlos - selbstverständlich.
15:00 Uhr Fast am Ende der Nanjing-Road angekommen, stellen wir fest, daß uns diese Gegend doch fast wohlvertraut ist. Wir stehen plötzlich vor den Türen des Hard-Rock-Cafes. Was wir gestern in der Dunkelheit nicht sehen konnten: Das HRC ist nur ein winziger Teil des riesigen Shanghai-Center´s. In diesen mächtigen und exklusiven Komplex ist auch das Ritz-Carlton integriert. Um einen Hauch des internationalen Flair´s zu erhaschen, stecken wir einfach mal unsere Nasen in die Hotel-Lobby. Alles ziemlich sauber und glitzernd hier, jedoch ist die Eingangshalle nicht gerade groß und irgendwie sieht die Hütte von außen sowieso viel besser aus... noch zweimal um die Ecken und wir verlassen die Stätte der Gastlichkeit.
15:30 Uhr Wir streichen die Segel; nicht nur weil von den letzen Metern der Nanjing-Road mit Sicherheit auch keine Änderung der Angebotspalette mehr zu erwarten ist, sondern auch, weil wir uns wegen der nachlassenden Laufbereitschaft der Füße geschlagen geben. Mit dem Taxi wieder im Ocean-Hotel angekommen, regeneriert Oliver seine Erkältung in der hoteleigenen Sauna ein wenig aus, währenddessen ich einen ersten Teil der Postkarten für die Heimat versandfertig mache.
18:30 Uhr Frisch geduscht und mit neuer Energie geht es auf die Suche nach einem Internet-Cafe. An der Rezeption lassen die Mädels das Telefon glühen und finden tatsächlich eine Online-Kneipe. Da wir offenbar die ersten Gäste sind die diesen Wunsch äußeren, heben sich die Damen die Adresse gut auf, denn der Fortschritt kommt täglich näher. Der Laden heißt 3CT und liegt in der Shanxi Nan-Road 238. Der Laden ist durch die Klimaanlage auf Frosttemperaturen gekühlt und nur die Begeisterung für den Kontakt mit der Heimat läßt uns hier eine Stunde verweilen. Inklusive zweier Flaschen Heinecken kostet der Spaß 60 Yuan - na ja für 12 Mark kann man mal die Welt von unseren Abenteuern wissen lassen.
20:30 Uhr Zurück im Hotel geht es in den 28. Stock. Das Abendessen wollen wir heut' Abend im hoteleigenen Drehrestaurant zu uns nehmen. Gestriegelt und gebügelt lassen wir uns von einer der vielen hier umherwuselnden Chinesinnen einen .. logisch: Fensterplatz zuweisen. Nach unseren ersten Hochrechnungen dürfte ein geruhsames Abendessen länger als eine komplette Umdrehung dauern und sind daher etwas enttäuscht, daß man uns einen Platz auf der Rückseite des Hotels beschert hat...d.h. es dürfte bis zur Postkartenaussicht noch etwas dauern.
Der 2. Upps ist, daß wir bei der Bestellung etwas zu "deutsch" denken und hinter den Gerichten auf der Karte komplette Menüs vermuten. Denkste: Neben den 2 bestellten Suppen, die ganz unterschiedliche "Lieferzeiten" hatten, sahen die vermeintlichen Hauptgerichte sehr verloren auf dem Tisch aus. Auch der Versuch noch eine Extra-Portion Reis zu bestellen, scheiterte kläglich an den Englisch-Kenntnissen der Bedienung (Monica). Aber ansonsten war unsere Wahl doch recht schmackhaft und die Teller bis auf die letzte Faser aufgegessen.
23:00 Uhr Mit etwas Schlagseite und einem original "Hard-Rock-Cafe-Shirt" in der original "Hard-Rock-Cafe-Tüte" aus dem "Hard-Rock-Cafe-Shop" verlassen wir den Ort der Fröhlichkeit. Um der Empfehlung eines Bar-Keepers zu folgen, setzen wir uns in ein Taxi und lassen uns an einen anderen Ort fahren. Was er auf den Bierdeckel schreibt wird uns für immer ein Rätsel bleiben, denn der Fahrer läßt uns an einer recht seltsamen Neon-Kneipe heraus. Entweder war dies ein Scheiß-Tip oder der Fahrer hatte einfach keine Lust mehr die Fahrt fortzusetzen. Da uns dieser Schuppen schon von draußen gar nicht zusagt, irren wir noch ein wenig durch die dunklen Straßen der Stadt. Auf der Suche nach Ausgelassenheit stoßen wir an einen Straßenzug, der von reichlich Polizei abgeschirmt ist. Vielleicht liegt hier eine der Botschaften oder Konsulate, auf die Rotchina aufgrund des Raketeneinschlages in die chinesische Botschaft in Belgrad nicht gerade gut zu sprechen ist.
23:00 Uhr Zum Ausklang des Abends lümmelten wir uns noch etwas in der Hotel-Lobby herum um noch weitere Postkarten auf die Reise zu schicken. Auch hier durfte dann das obligatorische Heinecken nicht fehlen.
24:00 Uhr Nach den Mitternachtsnachrichten von CNN ist dann für heute wirklich Zapfenstreich.