Shanghai - 05/1999 |
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04:00 Uhr (11:00 Uhr) Landeanflug: Ein weiterer Blick aus dem mittlerweile wieder komplett enteisten Fenster zeigt überraschender Weise keinen Mega-Airport. In eher ländlicher Atmosphäre zwischen ausgetrockneten Feldern und etwas baufälligen Hallen kommt die Boing zum stehen. Das Terminalgebäude ist, gemessen an der zukünftigen Stellung Shanghais irgendwie unterdimensioniert. Wie wohl überall in Asien, so ist auch hier die Präsenz von Militär und Polizei nicht zu übersehen. Bis unter die Arme mit Funkgeräten bewaffnet, werden wir Europäer genauestens beäugt. Auch die Paß-Kontrolle wird hier zum Ritual. Erst der böse Blick des Beamten besiegelt dann die erfolgreiche Einreise ins Reich der Mitte. Bei der fixen Gepäckausgabe stelle ich das erste Opfer dieser Reise fest: Mein Koffer hat eine Schnittwunde an der Außenhaut - wahrscheinlich steckt der chinesische Geheimdienst dahinter....
11:45 Uhr Am Ausgang werden wir schon von einem GeBeCo-Reiseführer in Empfang genommen. Er stellt sich als Mr. Li vor - wie schön: ein ausgefallener Name hier in China. Auf der Fahrt zu Hotel gibt es in recht gutem deutsch eine erste Einführung in die chinesische Kultur und Shanghaier Lebensart. Vorbei an endlosen Hochhäusern und an Stahlgerippen die dies erst noch werden wollen. Schon auf diesem Kurztrip deutet sich an, welche Ausmaße Shanghai hier schon annimmt. Unzählig die Kräne und LKW´s, die hier die Stadt täglich anders aussehen lassen.
12:30 Uhr Über moderne Hochstraßen und durch ranzige Gassen erreichen wir das Hotel. Die Gegend hier ist auf den ersten Blick nicht unbedingt in A-Lage, aber dafür sind wir ja auch nicht nach Shanghai gekommen. Rings um das 28-stöckige Ocean-Hotel stehen viele uralte Häuser die auf den Abriss warten oder den Bagger schon hinter sich haben. Die Lobby des Hotels ist recht einladend und der Service recht zuvorkommend. Die Zimmer sind schnell verteilt und tatsächlich: A information for Mr. Klee. Sven, der seit einem Jahr hier in Shanghai wohnt und den ich im Vorfeld meiner Urlaubs-Recherchen über das Internet kennengelernt habe, hat sich die Mühe gemacht und eine Menge an Info´s über die Stadt zusammengestellt. Stadtpläne, Name-Cards einiger Kneipen und und und.
Unsere Residenz für das "Projekt Shanghai" liegt im 14. OG (Room 1407) und ist die Ausgangsbasis für die erste Koblenzer Kulturrevolution in China. Trotz des diesigen Wetters hat man von hier einen phantastischen Ausblick auf die Stadt. Direkt vor uns liegt der Huangpu-River mit den Werften und den Hafenanlagen. Unzählige Schiffe, vom kleinen Frachtschiff bis zum Mega-Frachter, kreuzen den Fluß in beide Richtungen. Auf der anderen Seite des Flußes kann man die Skyline des Stadtteils Pudong bestaunen auf dem der weltberühmte Fernsehturm in der Sonne glänzt. In unmittelbarer Nähe thront die silberne Konkurrenz: Das Jin Mai Building, das mit 484 m das höchste Gebäude in Shanghai ist. Etwas weiter südlich erstreckt sich das Wahrzeichen Shanghais: Der Bund - die Uferpromenade mit den historischen Gebäuden aus der französischen Kolonialzeit. Da wir bereits voll ins Geschehen eingreifen wollen, bleibt uns keine Zeit zum Ausruhen...
14:30 Uhr Mit Mr. Li werden in der Lobby noch schnell einige Touren für die kommende Woche geplant, bevor es dann erstmals in die City von Shanghai geht. In einem hochgradig gekühlten Kleinbus geht es zum Ausgangspunkt aller kulturellen Entdeckungen dieser Stadt - der Yu-Garten. Die recht hübsch angelegte Parkanlage wurde von irgendeinem Kaiser in irgendeiner Dynastie gebaut und irgendeiner Frau gewidmet. Alle Tempel und Pagoden haben hier einen tieferen Sinn, der dann auch von Mr. Li jeweils sehr gewissenhaft erklärt wird. Mit der Zeit merkt er doch der Gruppe (wir sind momentan 6 Personen) an, daß der lange Flug ein wenig an den Kräften gezehrt hat und sich die geistige Aufnahmefähigkeit nur noch auf das Wesentliche beschränkt. Nach reichlich geschossenen Fotos erkunden wir auch das angrenzende Yu-Shopping-Center. In den klassischen Gebäuden wird alles verhökert, was das Touri-Portemonaie bezahlen kann bzw. soll.
Auf den ersten (noch ungeübten) Blick sieht das alles recht chinesisch aus, aber Mr. Li holt uns auf den Boden der Realität zurück. Auch in Shanghai regiert das Geld und die Mühlen des Kapitalismus laufen auch hier auf Hochtouren.
17:00 Uhr Abmarsch in Richtung Hotel um die erste, wohlverdiente Dusche zu nehmen. Es folgt ein Nickerchen um fit zu sein für die erste nächtliche Eroberung dieser riesigen Stadt. Vor dem Abmarsch erkunde ich noch ein wenig das direkte Umfeld des Hotels. In der einsetzenden Dämmerung bekommen die Häuser hier ein ganz anderes Flair und zum ersten mal nehmen ich wieder den Großstadt-typsichen Geruch aus Abgasen, Gewürzen und äquatornaher Hitze wieder wahr, den es offenbar nur in Asien gibt. Die Gegend hier gehört nicht unbedingt zu den Vorzeigevierteln der Stadt. Kleine Geschäfte in deren schummriger Beleuchtung seltsame Gestalten sitzen und auf Kundschaft warten, sehen nicht besonders vertrauenerweckend aus.
19:30 Uhr Aus der großen Anzahl der Visitenkarten von Sven wählen wir das Hard-Rock-Cafe aus. Vielleicht ist solch ein internationales Parkett eine gute Ausgangsbasis für unsere weiteren Aktivitäten. Für schlappe 28 Yuan ( ca. 5,60 DM). bringt uns der Taxifahrer quer durch die Stadt. 99,9% aller Taxen sind hier ein Volkswagen-Model Santana. In Deutschland noch nie der Renner gewesen, prägen diese Wagen hier das Straßenbild. Interessant ist auch, daß die Taxifahrer in einer Art Käfig sitzen. Eine durchsichtige Kunststoffschale umgibt den Fahrersitz und trennt ihn vom Rest der Sitzte ab. Wahrscheinlich hat es in der Vergangenheit schon den ein oder anderen Zwischenfall gegeben... Es bewahrheitet sich, daß eine Visitenkarte wichtiger als der Personalausweis ist, denn kaum einer der Fahrer spricht hier englisch...warum auch, denn die Sache mit den Karten scheint ja gut zu funktionieren.
In der Dunkelheit entwickelt diese Stadt eine interessante Atmosphäre und das permanente Hupen der Fahrzeuge und Motorräder tut sein übriges dazu, diese erste Fahrt als kleines Abenteuer zu empfinden. Staunend nehmen wir auch die Fahrkünste aller anderen Verkehrsteilnehmer zur Kenntnis. Autos, Motorräder und Fahrräder arrangieren sich in einer seltsamen Art und Weise, denn trotz der äußerst riskanten Ausweichmanöver kommt es offenbar zu sehr wenigen Unfällen.
20:00 Uhr Im HRC angekommen, läuten wir bei 1A-Live-Musik der australischen Gruppe "Jamm" einen feucht-fröhlichen Abend ein, der aus Foster´s und Tequilla besteht. Das Publikum ist hier wirklich international. Aus dem Wirrwar der aufgefangenen Gesprächsfetzen läßt sich leicht erkennen, wie multikulturell diese Stadt doch ist. 8800 km von zu Hause entfernt - ein Bier in der Hand und es ist ein Genuß dieses Treiben zu erleben. Auf der anderen Seite der Welt Menschen zu sehen die im Schmelztiegel Shanghai irgendwie hängen geblieben sind und dabei selbst den Duft der großen weiten Welt zu schnuppern, ist einfach irre.
23:00 Uhr Mit etwas Schlagseite und einem original "Hard-Rock-Cafe-Shirt" in der original "Hard-Rock-Cafe-Tüte" aus dem "Hard-Rock-Cafe-Shop" verlassen wir den Ort der Fröhlichkeit. Um der Empfehlung eines Bar-Keepers zu folgen, setzen wir uns in ein Taxi und lassen uns an einen anderen Ort fahren. Was er auf den Bierdeckel schreibt wird uns für immer ein Rätsel bleiben, denn der Fahrer läßt uns an einer recht seltsamen Neon-Kneipe heraus. Entweder war dies ein Scheiß-Tip oder der Fahrer hatte einfach keine Lust mehr die Fahrt fortzusetzen. Da uns dieser Schuppen schon von draußen gar nicht zusagt, irren wir noch ein wenig durch die dunklen Straßen der Stadt. Auf der Suche nach Ausgelassenheit stoßen wir an einen Straßenzug, der von reichlich Polizei abgeschirmt ist. Vielleicht liegt hier eine der Botschaften oder Konsulate, auf die Rotchina aufgrund des Raketeneinschlages in die chinesische Botschaft in Belgrad nicht gerade gut zu sprechen ist.
23:30 Uhr Da nun wirklich keine Kneipe mehr zu finden ist die uns genehm ist (oder uns überhaupt noch reingelassen hätte), geht es mit dem erstbesten Taxi wieder in Richtung Hotel zurück. In der Lobby angekommen, entschließen wir uns noch ein "Erfrischungsgetränk" zu bestellen. Am Nachbartisch steigen wir dann in eine kleine Wiedersehensfeier ein. Ein Ehepaar aus unserer Reisegruppe (aus Bad Ems!) besucht hier ihren Sohn, der bei der Dresdner Bank arbeitet. Bei einer weiteren Runde Bier, die auf Rechnung der Bank geht, erfahren wir ein wenig aus seinem Lebenslauf: Studium in Deutschland, 1 Jahr Dresdner Bank in Tokyo, weitere 4 Jahre in Alma-Ata (Karsachstan) und nun seit einem Jahr in Shanghai...Junge Junge nicht schlecht. Aber Jahrelang ohne Mutters Kohlrouladen ist natürlich reichlich hart.
00:15 Uhr Ziemlich fröhlich und das Programm des anderen Tages schon im Kopf verlassen wir die Runde und ziehen uns zurück. Junge Junge - der erste Tag war ganz schön heftig...