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Hongkong (März 1999)

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06.03.1999 (Do) - Zweiter Tag - Ready for touch down

07:15 Uhr (Hong-Kong-Zeit) Ein Blick nach hinten erklärt die ausgelassene Stimmung. Die Strippe steht doch tatsächlich noch immer bei ihrem Gustav und leert mit neugewonnen Flugfreunden weiterhin die Kräuterschnapsflaschen.

07:50 Uhr "Fasten Seat-Belts" blinkt es hektisch an der Decke. Wir streifen den nord-westlichen Teil des Himalaja und der Yeti macht offensichtlich dicke Luft. Die Maschine gibt in dem ein oder anderen Luftloch der Schwerkraft nach. Uuuuuuuups.

07:55 Uhr Entwarnung. Es war wohl nur ein Bäuerchen. Ich kann mir aber gut vorstellen, daß es in dieser Gegend auch heftiger zugehen kann.

08:30 Uhr Die Stewardessen der Tag-Schicht kommen aus den Kojen. Die Mädels riechen zwar alle nach Channel, sehen aber reichlich ungebügelt aus und die Fön-Frisuren müßten auch noch mal gerichtet werden.

08:55 Uhr Habe mich überwunden 20 min. Video zu sehen: Ein ziemlich mieser Film mit Don Johnson und Kevin Costner. Das reicht höchstens für eine 4-.

09:00 Uhr Endlich Frühstück: Omelett, Bratkartoffeln, Brötchen, Käse und wieder dieser 1A-Kuchen. Eigentlich ist mein Körper für diese Uhrzeit überhaupt nicht auf solche Temperaturen im Frühstück vorbereitet. Aber ich schließe einen Kompromiß mit ihm und kippe reichlich Orangensaft hinterher. Offensichtlich werden die Säfte in den Tragflächen gelagert, denn die haben im Gegensatz zum Omelett reichlich Minustemperaturen in sich.

09:15 Uhr Mit etwas Verspätung wird der Kaffee gereicht. Aber kann es sein, daß ihm in 12000 Metern Höhe der Costa-Rica-Kenia-Blend flöten geht? Wäre er nicht schwarz hätte ich behauptet es sein heißes Wasser.

09:40 Uhr Der Käpt´n nuschelt irgendwas von Einreisebestimmungen in Hong-Kong und Anschlußflügen nach Thailand und der Ober-Steward verteilt die Einreiseformulare (Departure-Card). Beim Ausfüllen dieser Karten muß ich feststellen, daß mir die ein oder andere Englisch-Vokabel irgendwie verloren gegangen ist. Aber ein Blick in das Wörterbuch macht mich wieder schlauer....

10:30 Uhr Erster Sichtkontakt auf das Chinesische Meer und bei wolkenlosem Himmel sind auch die ersten Boote zu erkennen. Riesige Containerschiffe steuern vollbeladen den Hafen von Hong Kong an.

11:00 Uhr Die Stewardessen machen die ersten Vorbereitungen für das verrückteste Landemöver auf dieser Welt. Ich habe zwar schon viel darüber gelesen und in Filmen gesehen, aber jetzt live dabei zu sein ist schon irre.

11:35 Uhr Die ersten Hochhäuser sind in Sicht und die Maschine legt sich mächtig in die Kurve. Glücklich die, die einen Fensterplatz haben, denn hier kann man jetzt wirklich die Menschen auf den Straßen sehen. Die hingegen überhören und übersehen offensichtlich den tonnenschweren Stahl der im minutentakt über Hong Kong donnert.

11:40 Uhr Touch Down. BA31 ist sicher gelandet, aber noch lange nicht ausgerollt. Bei einem Blick aus dem Fenster sehe ich ersteinmal nur Wasser. Die Tragflächen ragen weit ins Meer hinein, denn die Rollbahn ist hier recht schmal ausgefallen.

12:00 Uhr Wie immer wird der Aufruf der Stewardessen ignoriert solange sitzen zu bleiben, bis die Maschine endgültig steht. Beim Öffnen der Türen merkt man gleich was in Asien beim Wetter Sache ist: Eine ungewohnt schwüle Luft breitet sich schnell im Innenraum aus und läßt mich Böses ahnen, denn ich habe noch das dicke, deutschlanderprobte Baumwollhemd an.

12:05 Uhr Nach einem kleinen Fußmarsch erreichen wir schnell die Gepäckausgabe. Nicht unbedingt befremdlich, aber zumindest ungewohnt ist für mich der erste Eindruck auf asiatischem Boden: Nicht nur die kleinen, nicht gerade freundlich dreinschauende chinesischen Beamte und all die unentzifferbaren Schriftzeichen machen mir klar das ich weit weg von Zuhause bin. Sehr weit weg...

12:10 Uhr Bin eigentlich überrascht, daß ich meinen Seesack so schnell bzw. überhaupt auf dem Fließband wiederfinde, denn es ist schon gigantisch wie viele Koffer so eine Boing im Bauch verstauen kann.

12:15 Uhr Zollabfertigung: Die kleinen gelben Männer in den hübsch dekorierten Uniformen schauen mächtig giftig aus der Wäsche. Und, als hätte ich´s geahnt, bin ich auch schon fällig. Ohne ein Wort chinesisch zu verstehen, weis ich genau was der kleine Mann von mir will: Seesack öffnen. Er verzieht keine Mine bei der Durchsuchung, stockt jedoch als er die gute alte Prinzenrolle von De Beukelar entdeckt. Nachdem er die Kekspackung als bombenuntauglich einstuft, knallt mir sein Kollege endlich den Stempel in den Reisepass.

12:20 Uhr Der Menge nachtrabend finde ich schnell den Touri-Ausgang an dem ein wiederum kleiner gelber Mann im Samtanzug offensichtlich den Reiseführer spielt. In einem auch für mich gut verständlichen Asian-English bringt er ein wenig Ordnung in die Gruppe die in etwa 10 verschiedene Hotels unterzubringen ist. Der Hoteltransfer ist eine Art Stadtrundfahrt im Eiltempo, denn wir scheinen uns etwas verspätet zu haben. Da hier in Hong Kong Zeit offenbar mehr als nur Geld ist, fahren die Autos und LKW´s in einem Affenzahn um die Ecken und fahren nach dem Motto: Wer bremst verliert!

12:40 Uhr Endlich Zuhause. Das Hotel BP-International in Kowloon liegt zentraler als ich es im ersten Augenblick überschauen kann. Die Mädels an der Rezeption sind recht nett und drücken mir den Zimmerschlüssel 2206 in die Hand. In der imposanten Hotelhalle ist mächtig Betrieb und die Kofferträger haben alle Hände voll zu tun. Soviel Luxus gönne ich meinem Seesack jedoch nicht und hieve ihn wieder einmal auf die Schulter.

12:45 Uhr Im 22. Stock angekommen, genieße ich erst einmal die sagenhafte Aussicht auf das nördliche Hong Kong mit der Einflugschneise des Flughafens. Der Himmel präsentiert sich zwar ziemlich diesig, jedoch sind die ankommenden Flugzeuge gut zu erkennen und verschwinden wie im Film plötzlich zwischen den Hochhäusern. Ein Blick nach Westen zeigt den You Ma Tei Typhon Shelter, der zu einem weiteren riesigen Containerhafen umgebaut wird. In der Mitte liegt Kowloon mit dem angrenzenden Sham Shui Po. Dieser Stadtteil kommt auch in meinem Roman vor und erzählt von den dunkelsten Gassen der Stadt. Wobei man jedoch sagen muß, daß vor lauter Hochhäusern gar keine Gassen zu erkennen sind. In östlicher Richtung müßte laut Stadtkarte irgendwo eine der berühmtesten Einkaufsmeilen der Welt liegen: die Nathan-Road.

13:10 Uhr Nachdem der Seesack ausgeräumt ist und ich mich in dem relativ kleinen Hotelzimmer eingerichtet habe, knüpfe ich den ersten Kontakt zur Außenwelt: Der Telefonnummer 2779-3181 entlocke ich Bekanntes: TÜV-Rheinland good evening... Mein erstes internationale Telefonat verläuft erfolgreich und ich werde mit Waldi verbunden. Am Ende der Welt eine deutsche Stimme zu hören ist schon beruhigend. Wir verabreden uns um 19:15 Uhr an der Metro-Station "Nathan-Road".

13:30 Uhr Dem Rat alter Asienexperten folgend, lege ich mich trotz der Müdigkeit nicht ins Bett, sondern nutze den Tag (carpe diem). Nach einer längst fälligen Dusche wird vom Hotelzimmer aus ein erstes kleines Fotoshooting von der nördlichen Skyline gemacht. Zwischen all den Hochhäusern entdecke ich in luftiger Höhe einen Gerüstbauer. An sich nichts besonders, wenn die Gerüste nicht aus Bambus wären. Mit einer unglaublichen Selbstverständlichkeit turnt der Kamerad in etwa 80m Höhe dem chinesischen Himmel entgegen.

15:15 Uhr Ein erstes Walk-Out bringt mich in den Kowloon-Park direkt hinter dem Hotel. Ein McDonalds-Sport-Erholungs-Gelände wie mir scheint, denn der Hackfleich-Gigant hat in diesem Park gleich zwei Restaurants. Alles in allem ein sehr erholsames Areal, obwohl auch hier mächtig Betrieb ist. Chinesen allen Alters tummeln sich auf Bänken, an Brunnen und Tiergehegen und schnattern was das Zeug hält. Kamera- und Objektivbepackt marschiere ich weiter. Da der Menschenstrom etwas abnimmt nähere ich mich offenbar dem Ende des Parks. Der zunehmende Verkehrslärm hinter den Bäumen bestätigt dies dann auch umgehend. Zwischen dschungelähnlichen Gewächsen sind dann auch schon die Einkaufspaläste in der Nähe des Kowloon Park Drive zu erkennen. Auch dies gilt es natürlich fotografisch festzuhalten. Ein Abstecher an die südlichen Piers des You Ma Tei Typhon Shelters läßt einen wagen Blick in Richtung Hong Kong Island zu und erahnen welche gigantischen Bauwerke im Herzen der Stadt noch zu erkunden sind.

16:00 Uhr Am anderen Ende des Parks befindet sich das Museum of Hong Kong´s History. Für schlappe 10 HGK-$ (ca. 2,50 DM) ist hier die Geschichte der Stadt dokumentiert. Zwischen alten Landkarten und Uniformen gibt es auch eine hochmoderne Dia-Show. So alt wie die Stadt ist, so muffig riecht es auch in den Hallen. Nach 30 Minuten ist es genug der Kultur und der Park hat mich wieder und läßt sich noch einige male fotografieren.

19:15 Uhr Meeting Point U-Bahn Station "Nathan-Road". Auf ca. 100 m² sind auch mindestens 100 Handy´s und Pager aktiv. Hunderte von chinesischen Weiß-Hemd-Yuppies entsteigen der Metro und treffen sich mit irgendwem um irgendwas irgendwo zu verabreden. Ganz schön hektisch die Jungs und Mädels hier - die können ja nicht alt werden...

Da kommt Waldi. Kein Handy, keine Krawatte und keinen schicken Lederkoffer. Typisch Pfadfinder halt. "Hi - guten Flug gehabt blablabla...". Nachdem wir uns mit den obligatorischen Nettigkeiten ausgetauscht haben, lädt er mich zu einem ersten asiatischen Bier ein. Zielstrebig gehen wir zu einer der Besten Adressen Hong Kong´s (oder gar der Welt). Bei "Felix", der Sky-Bar des "Peninsula-Hotel´s", die im 24. Stock liegt, hat man einen beeindruckenden Blick auf den Hafen, das Bankenviertel und den "Victoria Peak". Ohne das Bier probiert zu haben, erkennt man auch schon an dem Publikum, daß es sich hier nicht um eine Absteige handelt. In feinem Zwirn fachsimpelt hier ein internationales Publikum offensichtlich über alles was zu Geld zu machen ist.
In dem angrenzenden Restaurant geht es mächtig gediegen zu. Hohe Decken mit kühlem Interieur belegen das hohe Budget des Innenarchitekten. Am fleißigsten war dieser jedoch beim Entwurf der Herrentoiletten. An einem riesigen Panoramafenster genießt man vor drei Pissoirs aus schwarzem Marmor die gleiche phantastische Aussicht wie in der Bar. Die Handtücher werden standesgemäß von einem kleinen, ewig grinsenden und sich verbeugenden Chinesen gereicht.

20:15 Uhr Nach zahlreichen Seitengassen und unzähligen Tips für´s Shoping geht es in den "Schnurrbart". Das Mekka aller deutschen Hong Kong Wahlarbeiter, für die, fern der Heimat, eine Bratwurst mit Sauerkraut einfach das Größte ist. Hier lerne ich auch die ersten Kollegen von Waldi kennen. Den typischen Asian-Businessmen habe ich mir jedoch irgendwie anders vorgestellt. Die Jungs sehen aus wie unscheinbare Mittelstandsbeamte denen offenbar der Reisschnaps etwas zugesetzt hat. Nach einigen Bier und ein wenig Nachhilfe in chinesischer Mentalität kann ich die Jungs jedoch gut verstehen.

22:00 Uhr Langsam aber sicher beginnt mein Körper zu rebellieren und will endlich Ruhe. Da die Zechtour der Landsleute offenbar noch weitergehen soll verabschiede ich mich und laufe staunend durch die schillernde Reklamewelt zurück ins Hotel.

22:30 Uhr Für mich gehen die Lichter einer ewig hellen Stadt zum ersten mal aus.

www.klaus-klee.de | Geändert: 01.11.2004 - 11:24 Uhr
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